Abklatschen vor der wieder (fast) gefüllten Cannstatter Kurve: Der VfB zeigte alles andere als eine Glanzleistung, sorgte aber bei den Fans für späte Glücksgefühle.

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Dann doch noch. Doch noch das Tor, der Ausgleich für den VfB Stuttgart, ganz spät, in der dritten Minute der Nachspielzeit im Sonntagsmatch gegen Union Berlin. Unerwartet, aber: egal.

Sportdirektor Sven Mislintat tanzte an der Seitenlinie, Torschütze Wahid Faghir wurde gefeiert, von den Stuttgarter Teamkollegen, von den Ultra-Fans, vor denen er getroffen hatte. Ein abgefälschter Linksschuss. Drin. Dann doch noch.

Ungemein erlösendes 1:1

"Dann kam die Chance - und wir haben getroffen", beschrieb der erst 18-jährige Däne mit afghanischen Wurzeln in aller Schlichtheit das so ungemein erlösende 1:1 im Duell mit dem 1. FC Union Berlin. "Es war schwer", "ein Mann weniger", aber: "Wir haben weiter gekämpft".

"Very nice" fand Wahid Faghir sein erstes Bundesliga-Tor. Vor einer Woche beim 1:1 in Mönchengladbach hatte er sein Debüt in Deutschlands Eliteklasse gegeben. Jetzt war er der Held des Sonntagabends.

Vollkommen unnötiger Platzverweis von Karazor

Das Remis gegen Union Berlin brachte dem VfB einen Dusel-Punkt. Ab der 57. Minute waren die Stuttgarter in Unterzahl auf dem Platz gewesen, weil Atakan Karazor Gelb-Rot gesehen hatte. Ein vollkommen unnötiger Platzverweis mit zwei Verwarnungen binnen 35 Sekunden. Das war Mist. "Das weiß er auch selber", sagte Trainer Pellegrino Matarazzo. "Wenn man die Gelbe Karte sieht, sollte man cleverer in Zweikämpfe gehen."

Aber ganz zum Schluss traf Faghir. Matarazzo lobte die "tolle Moral dieser Truppe". Sein Trainerkollege Urs Fischer ärgerte sich. "Ich glaube, wir hatten Gegner und Ball im Griff." Doch "dann musst du den Sack zumachen". So war es nicht. "Stuttgart hat, ich glaube mit einer Chance, noch den Ausgleich erzielen können", haderte Fischer. Ja, viel Gefahr war vom VfB nicht ausgegangen.

Didavi: Das Glück musst du dir auch mal erarbeiten

Immerhin, sie gaben nicht auf, die Mannen von Pellegrino Matarazzo. "Das Glück musst du dir dann auch mal erarbeiten", meinte der eingewechselte Daniel Didavi, der den Ausgleich vorbereitet hatte. Dass in der Stuttgarter Offensive wenig Dampf drin war? "Natürlich wollten wir ein bisschen mehr Punch haben." Aber: "Union ist eine erfahrene und abgewichste Mannschaft."

Die kalte Dusche für den VfB gab es in der 31. Minute. Union konterte und traf. 0:1. Sheraldo Becker hatte von links quer gepasst, in der Mitte vollendete der Berliner Torjäger Taiwo Awoniyi den Angriff. Völlig frei stand er zentral auf Höhe der Strafraumgrenze. Die Stuttgarter Defensive hatte trotz personeller Überzahl gepennt.

Beim VfB flutschte es nicht. Eine Szene aus der 40. Minute machte das deutlich, als Nikolas Nartey und Hamadi Al Ghaddioui am Union-Strafraum übereinander stolperten und beide auf dem Rasen lagen, statt torgefährlich zu werden.

Union spielt taktisch sehr gut geordnet

Zuallermeist war es aber das taktisch sehr gut geordnete Berliner Team, das den Stuttgarter Bemühungen in die Quere kam. Union-Torwart Andreas Luthe hatte nur sehr wenig zu tun. Es sah düster aus, als Atakan Karazor nach einer fiesen und unnötigen Grätsche im Niemandsland des Platzes gegen Rani Khedira mit Gelb-Rot vom Platz musste. Ganz schlechte Voraussetzungen für einen Stuttgarter Sturmlauf zum Ausgleich. Viel zu abgeklärt und ballsicher agierten die Berliner. Beim VfB fiel einmal mehr auf, dass es momentan "keinen klaren Knipser" gibt, wie es Marc Oliver Kempf ausdrückte. Das Fehlen der Vorsaison-Torjäger Sasa Kalajdzic und Silas sei "schwer zu kompensieren".

Vielleicht wächst Faghir in eine tragende Rolle? "Ich traue Wahid viel zu", sagte Trainer Matarazzo. "Wenn er im Sechzehner auftaucht, strahlt er Torgefahr aus." Der junge Stürmer habe allerdings noch "weitere Schritte zu gehen" in seiner Entwicklung.

Wie auch immer. Das Stuttgarter 1:1 wurde gefeiert. Der VfB hat jetzt zehn Punkte nach neun Spielen beisammen. Marc Oliver Kempf sagte: "Es fühlt sich fast an wie ein Sieg."